GEBIKOV: Gegenwartskompetenz im Blick auf individuelle und kollektive Vergangenheit

Das transdiziplinäre Projekt nimmt sich der Frage nach einer Geschichts- und Erinnerungskultur an, die den Bedingungen einer Migrationsgesellschaft genügt. Mit Methoden der geschichtsorientierten Biografiearbeit soll Antisemitismus und Muslimenfeindlichkeit vorgebeugt und Konfliktpotenzial abgebaut werden.

GEBIKOV ist ein transdisziplinäres Forschungsprojekt. Transdisziplinäre Forschung

  • geht von gesellschaftlichen Problemstellungen aus
  • generiert Wissen in Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft
  • setzt die erzielten Ergebnisse unmittelbar um.

 

Projektziel:    Antisemitismus und Muslimenfeindlichkeit vorbeugen und Konfliktpotenzial verringern.

Methode:       Geschichtsorientierte Biografiearbeit mit MigrantInnen und langansässigen ÖsterreicherInnen gemeinsam.

 

Struktur:        4 Module: Explorative Forschung – Methodenleitfaden für PraktikerInnen – Wissensaufbereitung – Dissemination der Ergebnisse

Zielgruppen:  

  • Beschäftigte in der Kinder- und Jugendhilfe und der offenen Jugendarbeit
  • Zivilgesellschaftliche Organisationen in Niederösterreich: Gedenkinitiativen, Kulturvereine, etc.
  • Hilfsorganisationen
  • Schulen

 

Projektträger:     Zentrum für Migrationsforschung; Projektverantwortlich: Dr. Gertrude Eigelsreiter-Jashari , Dr. Rita Garstenauer

 

Kooperationspartner:        

  • Institut für jüdische Geschichte Österreichs 
  • erinnern.at
  • Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen

 

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Antisemitismus ist ein heißes Thema, das zurzeit den politischen Diskurs prägt und in österreichischen wie internationalen Medien verhandelt wird. Gleichzeitig werden manifest antisemitische Handlungen immer häufiger registriert. Der Grad der Gewaltsamkeit dieser Praktiken reicht von latent antisemitischen Formulierungen in der Alltagskommunikation (Schwenke 2007) bis zu extremer Gewalt wie der Ermordung jüdischer MitbürgerInnen, die sich in den vergangenen Jahren und erst jüngst in Frankreich ereignet haben. In diesem Spektrum scheinen antisemitische Äußerungen und Handlungen stärker enttabuisiert als noch vor einigen Jahren. Dabei kommen zum europäischen, ideologisch im Rechtsextremismus verankerten Antisemitismus neue Aspekte dazu. Einer dieser Aspekte ist mit globalisierungs- und kapitalismuskritischen Bewegungen verbunden und hat stark verschwörungstheoretische Züge (vgl. Exner 2005; Sauer 2005; Trenkle 2005). Ein anderer neuer Aspekt wird in der Forschung als islamisierter Antisemitismus bezeichnet. Diese Form hat sich im 20. Jahrhunderts im arabischen Raum (aber auch in Südostasien, vgl. Schmidinger 2008; Gaier 2012) in der Rezeption der völkisch-rassistischen Spielart des europäischen Antisemitismus entwickelt. Dominant wird diese Form antisemitischer Äußerungen häufig im Zuge von öffentlichen Protesten gegenüber der Politik Israels gegenüber den Palästinensern artikuliert. Dabei verschwimmt die Grenze zwischen einer legitimen Kritik an gegenwärtigen realpolitischen Bedingungen und antisemitischen Zuschreibungen sehr rasch, mit dem Ergebnis, dass ein differenzierter Diskurs kaum mehr möglich ist (vgl. Diner 2004). VertreterInnen des islamisierten Antisemitismus beanspruchen häufig, für alle Muslime zu sprechen. Eine unkritische Rezeption dieser Position verstärkt wiederum parallel dazu den antimuslimischen Rassismus, der MuslimInnen in Österreich als eine homogene Gruppe definiert, der eine einheitliche, der österreichischen Gesellschaft abträgliche und unter anderem auch antisemitische Haltung unterstellt wird. Zwei Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus, treten so in eine Wechselwirkung, die gegenüber den Angehörigen zweier bedeutender religiöser Minderheiten in Österreich Diskriminierung, Anfeindungen und Bedrohungen hervorbringen und verstärken.

Aus dem Wissen um die Geschichte der NS-Herrschaft und der unter dem NS-Regime praktizierten Verfolgung und Vernichtung Andersdenkender oder als minderwertig klassifizierter Menschen – insbesondere die systematische Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden – heraus hat sich in Österreich seit den 1980er Jahren ein ethischer Teilkonsens gebildet, dass Ungleichwertigkeitsideologien und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit den sozialen Frieden gefährden und insbesondere mit Mitteln der Bildung und kulturellen Produktion bekämpft werden sollten. In den 1980ern und 1990ern wurde im Zuge eines komplexen Prozesses der Auseinandersetzung mit der Mitverantwortung von ÖsterreicherInnen und in der Folge auch der Republik Österreich für die NS-Verbrechen eine bestimmte, als legitim betrachtete Kultur des Erinnerns, Gedenkens und historischen Bezugnehmens etabliert (vgl. Uhl 2011). Seit etwa 2000 hat sich der Diskurs über die Mitverantwortung an den NS-Verbrechen aus der breiteren Medienöffentlichkeit verlagert – zum einen hin zur Expertise einzelner WissenschafterInnen und auf die Geschichtsvermittlung spezialisierte Institutionen (Uhl und Radonic 2016, 17–18); zum anderen aber auch auf eine Vielzahl von lokalen Geschichts- und Erinnerungsinitiativen, die, oft mit wissenschaftlicher Kompetenz der Mitglieder oder externer Unterstützung, die jeweilige NS-Geschichte vor Ort erforschen, dokumentieren und vermitteln. Es ist also die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte keineswegs zum Erliegen gekommen. Sie ist aber nicht mehr Thema eines breiten, auch kontroversen öffentlichen Diskurses wie in den 1980er und 1990er Jahren, sondern eher die Auseinandersetzung von ohnehin Engagierten und Interessierten geworden. Durch das Leiserwerden der öffentlichen Diskussion ist der Konsens darüber, was legitime Formen der Thematisierung von NS-Geschichte und Shoah sind, zunehmend zum impliziten Wissen geworden. Wer den Konsens teilt, hängt mit sozialen Positionen zusammen: bildungsnähere Personen teilen ihn eher (Pölzlbauer 2016, 91; vgl. auch Heyl 2017). Ein anderer Aspekt ist hingegen generationell; so überschätzen etwa GeschichtslehrerInnen das Ausmaß der Auseinandersetzung mit Geschichte in den Familien ihrer SchülerInnen (Kühberger und Neureiter 2017, 58,107). So wie die Nachgeborenen können Zugewanderte, die in einem anderen Geschichtsdiskurs sozialisiert wurden, die implizite Bedeutung von weniger expliziten und stärker symbolisierten Formen des Gedenkens und Erinnerns ohne zusätzliche Information schwer einordnen. Episodische Beobachtungen deuten darauf hin, dass einerseits in der informellen Arbeit mit Flüchtlingen teils Befremden bei den langansässigen Betreuenden, und andererseits Unsicherheit bei den Geflüchteten, was zum Thema NS, Jüdinnen und Juden bzw. Israel und Palästina man in Österreich überhaupt sagen dürfe.

Während nun die spezialisierten Einrichtungen für Erinnern an die NS-Verbrechen und das Gedenken der Opfer auf die Vermittlung in einer durch Migration geprägten Gesellschaft reagieren, (Kühberger und Neureiter 2017, 17–20; Sternfeld 2013) wird in der schulischen Didaktik zwar ein Desiderat wahrgenommen, aber noch nicht strukturiert umgesetzt (Kühberger und Neureiter 2017, 98–104). Geht es nun darum, Migrantinnen und Migranten auf die Bedeutung einer Reflexion der NS-Geschichte und der Shoah aufmerksam zu machen, so muss dabei beachtet werden, dass für diese nicht nur die Geschichte des Aufenthalts- sondern besonders jene des Herkunftslands und der eigene Familie von Bedeutung sind. Akzeptanz- und empathiestiftend ist Geschichtsvermittlung dann, wenn die Geschichte des Herkunftslandes gleichermaßen respektvoll einbezogen wird (Georgi 2015, 105–106).

Das Projekt GEBIKOV Gegenwartskompetenz im Blick auf individuelle und kollektive Vergangenheit geht von der Prämisse aus, dass neu in Österreich ansässige Menschen aus dem arabischen Raum oder der Region von Iran bis Indien nicht stärker zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit neigen als andere auch, dass aber unter ihnen antisemitische Einstellungen genauso wie in der österreichischen  Bevölkerung vorkommen, die auch thematisiert werden sollen. Ziel des Projekts ist es, für eine respektvolle Auseinandersetzung mit der Geschichte zwischen MigrantInnen und langansässigen ÖsterreicherInnen ein diskursives Forum zu schaffen und zu verstärken und damit die Refexionsfähigkeit und Offenheit für unterschiedliche Geschichtsnarrative unterstützen. Ansatzpunkt sind u.a. nicht-formelle Anlässe von Bildungs- und Kulturarbeit sowie der offenen Jugendarbeit in Niederösterreich, insbesondere auch im ländlichen Raum.

Als besonders geeignet haben sich biografieorientierte Ansätze erwiesen, die es erlauben, eigene Erfahrung, tradierte Familiengeschichte und allgemeines Geschichtsgeschehen in Verbindung zu bringen. In verschiedenen Kontexten in Europa hat sich eine biografieorientierte Geschichts- und Erinnerungsarbeit bewährt, um vereinfachenden Narrativen, die mit Feindbildern und Verschwörungstheorien arbeiten, wirksame Gegennarrative entgegensetzen (Müller 2009, 33–35). Das Projekt zielt darauf ab, mit Methoden der geschichtsorientierten Biografiearbeit Antisemitismus und antiislamischem Rassismus vorzubeugen und Konfliktpotenzial zu verringern.

 

 Literatur:

Diner, Dan. 2004. „Der Sarkophag zeigt Risse. Über Israel, Palästina und die Frage eines neuen Antisemitismus“.

Exner, Andreas. 2005. „Antisemitismus und Globalisierungskritik. Thesen zu einem Verhältnis“. In Blinde Flecken der Globalisierungskritik Gegen antisemitische Tendenzen und rechtsextreme Vereinnahmung, herausgegeben von Andreas Exner, Judith Sauer, Regina Erben-Hartig, und Attac Österreich, 9–12. Wien. https://www.attac.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/reader_antisemitismuskongress_2004_01.pdf.

Gaier, Malte. 2012. Muslimischer Nationalismus, Fundamentalismus und Widerstand in Pakistan: die Bewegung Jama’at-i-Islami.

Georgi, Viola. 2015. „Geschichte(n) in Bewegung. Zur Aneignung, Verhandlung und Konstruktion von Geschichtsbildern in der deutschen Migrationsgesellschaft“. In Erinnerungskulturen: eine pädagogische und bildungspolitische Herausforderung, herausgegeben von Meike Sophia Baader, 99–108. (AT-OBV)AC00113042 45. Köln: Wien ua.

Heyl, Matthias. 2017. „Die nationalsozialistischen Massenverbrechen sind bei den Deutschen gut aufgehoben - Selbstbilder erfolgreich geleisteter Aufarbeitung in de Bundesrepublik nach 1990 und das Unbehagen an der Erinnerungkultur“. In Fragiler Konsens: antisemitismuskritische Bildung in der Migrationsgesellschaft, herausgegeben von Meron Mendel, Astrid Messerschmidt, Tom David Uhlig, und Andreas Eberhardt, 133–54. Frankfurt New York: Campus Verlag.

Kühberger, Christoph, und Herbert Neureiter. 2017. Zum Umgang mit Nationalsozialismus, Holocaust und Erinnerungskultur: eine quantitative Untersuchung bei Lernenden und Lehrenden an Salzburger Schulen aus geschichtsdidaktischer Perspektive. Geschichte unterrichten. Schwalbach/Ts: Wochenschau Verlag.

Müller, Jochen. 2009. „»Warum ist alles so ungerecht?« – Antisemitismus und Israelhass bei Jugendlichen:  Die Rolle des Nahostkonflikts und Optionen der pädagogischen Intervention“. In Die Juden sind schuld: Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft am Beispiel muslimisch sozialisierter Milieus ; Beispiele, Erfahrungen und Handlungsoptionen aus der pädagogischen und kommunalen Arbeit, herausgegeben von Claudia Dantschke und Amadeu Antonio Stiftung, 30–36. Berlin: Amadeu-Antonio-Stiftung.

Pölzlbauer, Laura. 2016. „Alles Schulstoff?: zum Einfluss des schulischen Geschichtsunterrichts auf das NS - Geschichtsbewusstsein und das Wahlverhalten von Erstwählerinnen und Erstwählern“. Graz. https://resolver.obvsg.at/urn:nbn:at:at-ubg:1-102408.

Sauer, Judith. 2005. „Wie funktioniert eigentlich Antisemitismus? Zur Anatomie einer Ideologie und was das mit Attac zu tun hat.“ In Blinde Flecken der Globalisierungskritik Gegen antisemitische Tendenzen und rechtsextreme Vereinnahmung, herausgegeben von Andreas Exner, Judith Sauer, Regina Erben-Hartig, und Attac Österreich, 13–17. Wien. https://www.attac.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/reader_antisemitismuskongress_2004_01.pdf.

Schmidinger, Thomas. 2008. Zwischen Gottesstaat und Demokratie: Handbuch des politischen Islam. Wien: Deuticke.

Schwenke, Philipp. 2007. „‚Das wird man ja wohl noch sagendürfen ...‘ - Essay | bpb“. Aus Politik und Zeitgeschichte 31. http://www.bpb.de/apuz/30325/das-wird-man-ja-wohl-noch-sagenduerfen-essay.

Sternfeld, Nora. 2013. Kontaktzonen der Geschichtsvermittlung: transnationales Lernen über den Holocaust in der postnazistischen Migrationsgesellschaft. Wien: Zaglossus.

Trenkle, Norbert. 2005. „Hinter den Kulissen: Niemand! Zum Verhältnis von Finanzmarktkritik und Antisemitismus“. In Blinde Flecken der Globalisierungskritik Gegen antisemitische Tendenzen und rechtsextreme Vereinnahmung, herausgegeben von Andreas Exner, Judith Sauer, Regina Erben-Hartig, und Attac Österreich, 23–29. Wien. https://www.attac.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/reader_antisemitismuskongress_2004_01.pdf.

Uhl, Heidemarie. 2011. „Vom ersten Opfer zum Land der unbewältigten Vergangenheit: Österreich im Kontext der Transformationen des europäischen Gedächtnisses“.

Uhl, Heidemarie, und Ljiljana Radonic. 2016. „Zwischen Pathosformeln und neuen Erinnerungskonkurrenzen. DasGedächtnis-Paradigma zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zur Einleitung“. In Gedächtnis im 21. Jahrhundert: zur Neuverhandlung eines kulturwissenschaftlichen Leitbegriffs, herausgegeben von Ljiljana Radonic und Heidemarie Uhl, 7–28. Erinnerungskulturen = Memory Cultures, Band 5. Bielefeld: transcript.