Erzählungen vom Wegmüssen, Ankommen, Dableiben

Eine Oral History zur Integration der deutschsprachigen Vertriebenen aus der Tschechoslowakei in Niederösterreich nach 1945

Auftraggeber:

Niederösterreichisches Landesarchiv

Laufzeit:

09/2012 - 03/2014

Bearbeiter:

Mag. Niklas Perzi, MAS

Projektziele:
Beschreibung:

Vertreibung und Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei 1945/1946 mitsamt den vorangehenden Prozessen zum Ende der „Deutsch-Tschechischen Konfliktgemeinschaft“ (Jan Křen) sind mittlerweile auf politischer, gesellschaftlicher und rechtlicher Ebene detailliert beforscht worden. Die Frage nach dem „Danach“, den unterschiedlichen Politiken und Praktiken des Umgangs mit den Betroffenen in den Aufnahmeländern stellte lange Zeit ein Desiderat der Forschung dar und ist es für Österreich noch immer, während in Deutschland das Thema intensiv sowohl im wissenschaftlichen als auch außerwissenschaftlichen Öffentlichkeit diskutiert wird. Dabei stehen neben Arbeiten zur Realgeschichte auch solche zur Erinnerungsgeschichte, die einen Beitrag zur Diskussion rund um Vertreibung und Aussiedelung der Deutschen aus dem „Osten“ liefern, im Mittelpunkt. Auch hier hinkt der österreichische dem deutschen Gedächtnisdiskurs nach und ist weitgehend noch immer nur Teil der Eigen-Gruppe der Vertriebenen, ihrer Verbände bzw. deren politischen Sprecher. Es „fehlt ihm somit jenes Reframing, das ‚Flucht und Vertreibung‘ im deutschen Vergangenheitsdiskurs aus den Verwendungsweisen der 1950er Jahre herausgelöst und kontextualisiert gemacht hat.“

Das am Institut für Geschichte des ländlichen Raumes (IGLR) in St.Pölten im Rahmen des „Zentrums für Migrationsforschung“ angesiedelte Projekt bemüht sich, diese Forschungslücke zu schließen und eine umfassende, wissenschaftlichen Kriterien genügende Untersuchung der einschlägigen Thematik zu liefern. Schwerpunkte werden dabei neben noch offenen Fragen (etwa in Bezug auf den „Brünner Todesmarsch“) die Behandlung der ersten Phase des Aufenthalts in Niederösterreich bilden, die von der Ankunft bis zum Beginn der „Repatriierungstransporte“ nach Deutschland im Jänner 1946 reichte und zwei gegenläufige Tendenzen erkennen lässt: Auf der einen Seite eine beginnende Integration, vor allem in die Lebenswelten der kleineren Dörfer, auf der anderen die Isolation, die zum Teil auch von den Behörden so gewollt war. Zerstörte also die Politik die gerade im Laufen befindliche Integration?

Das Projekt behandelt mithilfe themenzentrierter Interviews die Rezeption des Integrationsprozesses durch die Betroffenen sowie die Blicke der Aufnahmegesellschaft auf sie. Was waren die Integration fördernde, was der Integration hinderliche Faktoren? Bis wann dominierte der Rückkehrwunsch? Wie attraktiv war gerade in den 1950er Jahren die Bundesrepublik Deutschland als Auswanderungsland aufgrund der dort massiv anlaufenden materiellen Eingliederungsmaßnahmen? Das Projekt wählt eine akteurszentrierte Sichtweise, um die Prozesse von Weggehen, Ankommen und Einleben rekonstruieren zu können. Um eine einigermaßen „dichte Beschreibung“ gewährleisten zu können, werden einerseits die Herkunftsgebiet der Region rund um das südböhmische Nová Bystřice [Neubistritz] und andererseits das Aufnahmegebiet der Bezirk Mistelbach als Modellfälle genauer untersucht.