Panel im Rahmen der 5. Jahrestagung für Migrations- und Integrationsforschung in Österreich

7. Dez. 2018, 14:00 h Gratwanderungen zwischen Denunziation und Bagatellisierung: Antisemitismus in Migrationsgesellschaften kontextbezogen erforschen

  • Wann 07.12.2018 ab 14:00 (Europe/Vienna / UTC100)
  • Wo EURO PLAZA Conference Center, Raum: Euro Plaza Rom, Am Euro Platz 2, Gebäude G, 1120 Wien
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Antisemitismus im Kontext einer Migrationsgesellschaft zu erforschen ist ein komplizierter Vorgang; vor allem deshalb, weil die zugewanderte Bevölkerung heterogen ist in Hinblick auf den Zeitpunkt der Zuwanderung, die Herkunftsländer, den Bildungsgrad, das Wissen über den Nationalsozialismus und Holocaust, etc. Hinzu kommt, dass Antisemitismus in einer Migrationsgesellschaft nicht allein die Zugewanderten betrifft, sondern auch die langansässige Bevölkerung. Die Dynamik zwischen antisemitischen Tendenzen in beiden Teilpopulationen ist schwer zu bestimmen. Bislang liegen auch nur wenige repräsentative Studien vor; das Thema wird zudem von unterschiedlichen Seiten instrumentalisiert.

Die geschichtspolitische Bedeutung der Mitverantwortung von Österreicherinnen und Österreichern an der Shoah ist – zumindest für Teile der Gesellschaft – common sense geworden. Wer in Österreich sozialisiert wurde, weiß, was gesagt werden darf, unabhängig davon, ob er oder sie diese Grenzen respektiert, bewusst überschreitet oder auf diffuse Weise unterläuft, etwa durch Äußerung von Vorurteilen oder antisemitischen Codes. Wer anderswo sozialisiert wurde, spricht hingegen aus anderen Kontexten heraus. Eine Forschung, die Manifestationen von Antisemitismus heute untersucht, egal ob unter Angehörigen der langansässigen oder der neu hinzugekommenen Bevölkerung, muss diese Kontexte explizieren. Ein angemessenes Vorgehen erfordert zum einen Wissen über (oder zumindest Lernbereitschaft für) Geschichtsnarrative sowie Ideologien und Vorurteilsstrukturen in den Herkunftsländern bzw. Diskursgemeinschaften von Zugewanderten und Einheimischen. Es erfordert zum anderen, die historische und gegenwärtige Mobilität von Ideologien weltweit im Blick zu haben. Die Einordnung von als antisemitisch wahrgenommenen (Sprach-)Handlungen muss vor dem Hintergrund der Mobilität von Menschen, Ideen und Ideologemen erfolgen.

Wie aber sich dem Gegenstand empirisch annähern? „Sind Sie antisemitisch“ ist wohl keine Frage, mit der eine empirische Erhebung zum Thema beginnen würde. Dennoch: Sind Migrantinnen und Migranten die Befragten, oder etwa Musliminnen und Muslime, so steht die Verdächtigung im Raum, sobald das Rahmenthema nur genannt wird. Ursache hierfür ist eine spezifische Form des Othering im Hinblick auf Geschichte und den Umgang damit. In Österreich ebenso wie in Deutschland existiert ein positives Selbst-Stereotyp darüber, dass die Geschichte „bewältigt“ wäre, konkret, dass die richtigen Schlüsse aus der Geschichte der NS-Herrschaft und der Shoah gezogen worden wären und man folglich die richtige Meinung dazu habe; die Anderen, etwa Migrantinnen und Migranten, hingegen nicht. Inwieweit so eine Haltung im Einzelnen zutrifft oder nicht, ist einerlei; welche Meinung die Forscherin oder der Forscher konkret hierzu hat, ebenfalls. Der gegenwärtig dominante mediale Diskurs, der Antisemitismus und Migration (häufig über den Begriff des Islam) verknüpft, definiert die Agenda vor. Die hohe Brisanz des Themas wiederum hat forschungsethische Konsequenzen. Kann sich die Forscherin bzw. der Forscher auf die Position der neutralen Beobachterin bzw. des Beobachters zurückziehen? Oder muss sie/er im Sinne der Redlichkeit mit den Respondentinnen und Respondenten in einen (geschichts-)politischen Diskurs eintreten? Forschung über Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft erfordert ein permanentes In-Schach-Halten des Othering gegenüber Migrantinnen und Migranten sowie die Bereitschaft, deren Herkunftsländer und –kontexte in ihrer Geschichtlichkeit und ihrer politisch-ideologischen Diversität und Widersprüchlichkeit wahrzunehmen; sie bedeutet eine laufende Gratwanderung zwischen Denunziation und Bagatellisierung.

Die vier Beiträge dieses Panels vermitteln unterschiedliche Perspektiven auf die Problematik. Der Beitrag von Helga Embacher zieht internationale Forschungsbeispiele heran, um unterschiedliche Herangehensweisen in der Erforschung von Antisemitismus unter Musliminnen und Muslimen zu erörtern. Hasan Softić zeigt anhand einer Studie zu den Sichtweisen von Bosnierinnen und Bosniern eine spezifische Rahmung des Bezugs auf Jüdinnen/Juden, Israel und die Geschichte der NS-Verbrechen, die für Europa durchaus Relevanz besitzt, aber in der Zuspitzung des aktuellen Diskurses in Österreich praktisch ausgeblendet bleibt. Gertrude Eigelsreiter-Jashari und Rita Garstenauer präsentieren den Versuch, einen Umweg zum Antisemitismus über die Auseinandersetzung mit Geschichte generell zu gehen. Der Ansatzpunkt für die Erhebung ist die Flüchtlingsbetreuung nach 2015, ein Rahmen, in dem Kommunikation über Geschichte zwischen Angehörigen der langansässigen wie der neu zugezogenen Bevölkerung wahrscheinlicher waren als in anderen Migrationskontexten. Elke Rajal und Andreas Peham schließlich diskutieren die Bedingungen und Implikationen antisemitismuskritischer Bildungsarbeit in Zusammenhang mit Migrationssituationen. Zur Diskussion steht, wie die vier unterschiedlichen Perspektiven den Kontext antisemitischer (Sprach-)Handlungen als Schlüssel für die Erforschung des Phänomens Antisemitismus nutzen.

 

Hier der Link zur Tagung

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